Färben im Hochmittelalter
Die Textabschnitte im Überblick:
Wie farbig war das Mittelalter?
Vorbereitung der Färbepflanzen
Beizen des Stoffs
Das Farbbad
Farben weiterentwickeln
Beispiel Waid
Beispiel Reseda
Beispiel Krapp
Wie farbig war das Mittelalter?
Vorneweg sollte angemerkt werden, dass aus der Zeit des Hochmittelalters nur sehr wenige Kleidungsstücke bis in unsere Zeit überdauert haben. Die wenigen Stücke, die erhalten sind, stammen meist aus dem sakralen Bereich. Anhand dieser Kleidungsstücken und auch bei erhaltenen Wand-/Altarteppichen (z.B. der Altarteppich von 1150 aus Halberstadt) kann man zwar ersehen, dass Stoffe gefärbt wurden, aber ob und wie jedoch Stoffe für den „kleinen“ Mann gefärbt wurden, kann man nicht eindeutig belegen.
Dass einfacher Leute Kleidung ebenfalls bunt gefärbt war, lassen uns die bildlichen Quellen glauben. So z.B. die Kreuzfahrerbibel, die Bible moralisée oder die vielen erhaltenen Psalter, in denen selbst Bauern bei der Feldarbeit in farbigen Kleidungsstücken abgebildet sind. Jedoch muss bei diesen Quellen immer ein gewisser Zweifel ob der Wirklichkeitstreue bleiben, da es sich hier um exklusive Prachthandschriften handelt, die im Auftrag von und für Fürsten entstanden.
Ständig in der Diskussion stehen ebenfalls die berühmten Kleiderordnungen des frühen und hohen Mittelalters.
Diese besagen zwar, dass Bauern nur ungefärbte oder gedeckt farbige Kleidung tragen dürften. Von einer tatsächlichen Durchsetzung einer solchen Ordnung findet sich jedoch nichts. Aber es wird vielleicht umgekehrt
ein Schuh daraus wenn man bedenkt, dass damals wie heute Gesetze erst erlassen werden mussten, wenn das unerwünschte Gegenteil an der Tagesordnung war. Kann man daraus also schließen, dass die Landbevölkerung
bunt gekleidet war – und dies den (manchmal weniger gut betuchten Klein-) Adeligen zu weit ging?
Aus Coppergate im britischen York liegt eine nadelgebundene Wollsocke von 970 vor, die Krapp gefärbt ist.
Aus dem Finnland des 13. Jahrhunderts sind einige Wollhandschuhe aus Männer- und Frauengräbern erhalten geblieben.
Diese sind nadelgebunden meist aus naturweißer Wollen und nicht wenige davon mit farbigen Applikationen in Blau/Grün und Rot/Braun aber auch in Gelb. Manche dieser Handschuhe sind „gestreift“ – also regelrechte Ringelhandschuhe. Bei anderen wurde das Garn aus zwei verschiedenfarbigen Wollen gezwirnt,
z.B. Rot und Weiß. Auch eine dreifarbige finnische Socke um das Jahr 1000 belegt die Farbigkeit von Alltagskleidung.
Wer die Menschen in diesen Gräbern waren und wie hoch im Stand sie anzusiedeln sind, muss hier allerdings im Moment offen bleiben.
Ein letzter Gedanke dazu, ohne das Thema noch weiter auszuführen: Das erhaltene sog. Bußkleid der Heiligen Elisabeth (vor 1231) besteht aus einem Köperstoff in naturbrauner und heller Wolle, der laut Befund anschließend dunkelbraun überfärbt wurde (Staufer-Katalog Bd.1). Selbst für diesen betont anspruchslosen Alltagseinsatz scheint eine Färbung ebenfalls nicht abwegig gewesen zu sein. Wenn hier auch in einer gedeckten Farbe und nicht bunt.
Wie läuft das Färben denn nun ab?
Als erstes sollten die meisten Pflanzen vor dem Färben gut einweichen. Man legt sie am besten über Nacht in genügend Wasser. Nur frisch gesammelte Färbestoffe können auch ohne Einweichen zubereitet werden. Auch der zu färbende Stoff sollte gut eingeweicht werden, denn auf nasse Fasern zieht Farbe schneller und damit regelmäßiger auf, als auf trockene, die womöglich auch in Falten liegen. Bei trockenem Wollstoff hat man außerdem seine liebe Not, ihn schnell und gleichmäßig im Sud unterzutauchen – Flecken können der Preis dafür sein.
Abb.1 und 2: Einweichen von Faulbaumrinde (unbewehrter Kreuzdorn)
und Ringelblumen im Kupferkessel unter strengster Überwachung
Der nächste Schritt ist dann das Beizen des Stoffes. Dazu löst man das Beizmittel (meist Alaun, Weinstein, Pottasche oder Kupfervitriol) im Färbertopf auf, gibt den Stoff dazu und erhitzt das ganze. Der Stoff sollte
ca. eine Stunde leicht kochen. Man kann nun entweder den Stoff im Beizbad abkühlen lassen, ihn dann herausnehmen und ggf. ausspülen oder im Beizbad direkt weiterfärben. Beides funktioniert gut. Man kann fertig gebeizten Stoff auch längere Zeit lagern, wenn man ihn ständig feucht und dunkel hält. Achtung aber –die Faltkanten trocknen leicht aus und das sieht man nachher manchmal als unliebsames „Karomuster“!
Die Beize dient dazu, die Stofffasern zu öffnen. Meist wird Wolle gefärbt und Wolle besteht aus Tierhaaren.
Durch die Beize werden die Schuppen des Haares „aufgeplustert“, damit sich der Farbstoff dort einlagern kann. Durch das kalte Wasser beim Auswaschen nach dem Färben schließen sich die Schuppen und die Haarfaser
bleibt farbig.
Färbt man mit gerbstoffhaltigen Färbemitteln wie z.B. Eichenrinde oder Walnussschalen, ist ein Vorbeizen nicht erforderlich. Dies übernehmen die enthaltenen Gerbstoffe beim Färben in einem Aufwasch.
Nun gibt man die eingeweichten Pflanzenteile in den Färbebottich, füllt diesen mit viel Wasser auf und erhitzt ihn. Vorsicht - je nach Färbegut darf man nicht über eine bestimmte Temperatur kommen! Krapp z.B. schlägt beim Erhitzen über etwa 80° C von Rot nach Rostbraun um. Die meisten Farbsude jedoch müssen etwa eine Stunde köcheln. Es empfiehlt sich danach meistens, die Pflanzenreste abzuseihen, z.B. in ein Färbetuch. Dieses kann beim Färben auch wieder dazugegeben oder zum Auffrischen genutzt werden. Das Abseihen verhindert aber, dass sich die kleinen Pflanzenpartikel im Stoff festsetzen – kein Vergnügen nämlich beim Auswaschen! Und man verhindert damit auch punktuelle dunklere Färbungen, wo sich die noch stärker als der Sud färbenden Pflanzenreste abgesetzt haben.
Abb. 3 - 5: Siedende Faulbaumrinde, üppig gelber Schaum auf dem Faulbaumrindensud, siedendes Reseda
Der fertige Farbsud muss vor dem Eintauchen des angefeuchteten Stoffes nicht unbedingt abkühlen.
Wichtig ist nur die Faustregel, heißen Stoff niemals in kaltes Wasser zu geben! Denn dabei „erschrickt“ der Stoff und zieht sich zusammen. Beim Temperaturwechsel von kaltem in heißes Wasser haben wir diese Beobachtung jedoch noch nicht gemacht – hier dehnt sich die Faser der Physik folgend ja auch eher aus.
Abb. 6 - 8: Wollstoff im Faulbaumrindensud, frischer und abgeklärter Resedasud
Wenn man direkt im Beizbad weiterfärben will, nimmt man den Stoff kurz heraus, füllt das Färbegut ein und rührt die Flotte gut um. Dann kommt der Stoff dazu. Je nach gewünschter Farbintensität lässt man nun den Stoff eine Weile (eine gute Stunde aber mindestens) im leise siedenden Farbbad und wendet ihn regelmäßig. Er sollte frei im Wasser schwimmen können, damit der Farbstoff überall gleichmäßig in die Faser ziehen kann. Man kann die Farbe zwischendurch auch testen, indem man eine Ecke des Stoffes herausnimmt und das Wasser kurz ausdrückt. Wenn man die gewünschte Farbe erreicht hat, nimmt man den Stoff heraus und wäscht ihn gründlich aus, oder man behandelt ihn noch nach. Vor dem Waschen sollte der Stoff unbedingt auskühlen (z.B. auf der Leine), damit er sich nicht zusammenzieht, wenn er beim Waschen in kaltes Wasser kommt.
Abb. 9 – 11: Auskühlen einer frischen Resedafärbung, Martin beim Auswaschen
Viele Pflanzen erlauben mehrere „Züge“. Das bedeutet, dass man den Färbesud nach einmaliger Färbung nicht wegkippen muss, sondern ihn noch ein zweites oder sogar ein drittes Mal zum Färben benutzen kann.
Die Farbe wird dann meist blasser, in manchen Fällen aber auch reiner und klarer oder sogar kräftiger!
Hier ein paar Beispiele:
Abb. 12: Farbpalette Faulbaumrindenfärbung auf Alaunbeize. Erster Zug satter Cognacfarbton,
zweiter Zug milchkaffeefarben, dritter Zug ockerfarben (dieser Stoff war zusätzlich mit Weinstein vorgebeizt)
Abb. 13: Reseda erster Zug frisches Zitronengelb
Abb. 14: Farbpalette Resedafärbung auf Alaunbeize: Rechts erster Zug Zitronengelb,
in der Mitte der zweite Zug in lichtem Gelb, ganz links zweiter Zug mit Eisenvitriol weiterentwickelt nach Hellgrün
Abb. 15: von links nach rechts: Zweiter Zug gemahlener Krapp und erster Zug davon,
erster Zug Rainfarn mit Krapp,
erster Zug gemahlene Zwiebelschalen mit etwas Krapp
Man kann mit verschiedenen Eisensalzen, Weinstein oder Pottasche die Farben noch weiterentwickeln.
Dafür muss man einfach etwas von dem „Entwickler“ (Achtung - Messerspitzenmengen können schon ausreichen!)
in das Färbebad geben (Stoff vorher entnehmen, sonst gibt es Flecken!) und den unausgewaschenen Stoff nochmals kurz eintauchen und dann gleichmäßig zur Oxidation an die Luft bringen. Je nach Farbwunsch kann der Vorgang wiederholt werden. Anschließend den Stoff gut auswaschen und aufhängen. Hat man Stoffe wie Pottasche oder Weinstein auch schon beim Beizen verwendet, hat dies auf die Farbentwicklung natürlich von vorne herein auch
eine Auswirkung.
Hier noch einige Tipps zu „Entwicklern“: Kupfersulfat dunkelt nach Oliv und Braun nach, es macht die Farben weich und sehr haltbar. Eisensulfat dunkelt Gelbes nach Oliv bis Braun ab, bei gerbsäurehaltigen Pflanzen (Eiche, Walnuss,...) nach grau. Weinstein lässt die Farben klarer und leuchtender erscheinen. Pottasche lässt viele Farben intensiver und voller erscheinen, kann aber bei manchen Färbungen auch eine völlige Veränderung der Farbe bewirken! Mit „Entwicklern“ sollte man grundsätzlich vorsichtig sein, denn eine zu große Menge bzw. ein zu lange Einwirkzeit können den Stoff so stark angreifen, dass er brüchig wird und reißt.
Abb. 16 - 18: „schmutzig“ wirkender Ringelblumensud beim Weiterentwickeln mit Eisenvitriol,
das olivgrüne Ergebnis nach einer Nacht an der Luft (Oxidation!), dasselbe mit Reseda
Darüber, ob und wie man damals Stoffe weiterentwickelt hat, sind wir uns nicht sicher. Jedoch kommen einige „Entwickler“ natürlich vor. Färbt man in einem Eisenkessel, hat man von ganz alleine ein wenig Eisensulfat („Eisenvitriol“) dabei, in einem Kupferkessel dafür Kupfersulfat („Kupfervitriol“). Wäscht man den Stoff mit Pottasche aus, sieht man ebenso ein Resultat. Alle gezeigten Farbnuancen liegen daher im Bereich des damals Möglichen.
Im Folgenden sollen die Pflanzen vorgestellt werden, die schon damals schriftlich als Färbepflanzen erwähnt werden und die im Hochmittelalter weite Verbreitung hatten. Ebenso Pflanzen, die für uns heute zum Färben plausibel erscheinen. Einige Pflanzenarten unserer Wildflora sind für Färberzwecke so gebräuchlich gewesen, dass dies in ihren Artnamen zum Ausdruck gekommen ist, wie z.B. Färbermeister (Asperula tinctoria), dessen rote Wurzeln besonders in Skandinavien anstelle des Krapps verwendet wurden. Färberginster (Genistea tinctoria), Färberscharte (Serratula tinctoria) und Färberkamille (Anthemis tinctoria) ergaben auf Wolle mit unterschiedlichen Beizen gelbe, grüngelbe und braune Farbtöne.
Waid (Isatis tinctoria)
Als bekannteste heimische Färbepflanze kann wohl der Waid (Färberwaid, deutscher Indigo) gelten.
Der Farbstoff im Waid ist Indigo. Waid enthält als einzige Pflanze in Europa einen blauen Farbstoff. Er ist chemisch gesehen derselbe, der auch in der Indigopflanze (Leguminosenbäume, Indigofera-Arten aus Asien) enthalten ist und der inzwischen synthetisch hergestellt wird. In den Blättern des Waid ist dieser blaue Farbstoff aber nicht direkt enthalten, sondern in einer farblosen Vorstufe (Indican). Wenn die geschnittenen und gemahlenen Blätter zu Haufen geschichtet gären oder die getrockneten, gemahlenen Blätter in der Küpe des Färbers gären, bildet sich ein weiteres Zwischenprodukt (Indoxyl), das auch noch farblos ist. Die blaue Farbe Indigo entsteht durch Oxidation erst in dem Augenblick, wenn das in der Küpe schwimmende Garn oder Zeug herausgezogen und an der Luft „geschlagen“ wird, d.h. bei Zutritt von Sauerstoff.
Der älteste archäologische Fund von Waid stammt aus einer Höhle in Frankreich (l’Adouste bei Joursques,
Bouche-du-Rhône) und datiert in die Jungsteinzeit.
Der früheste archäobotanische Nachweis für Färben mit Waid ist bei einer Ausgrabung im mittelalterlichen Stadtkern von York, England, gelungen. Dort fanden sich bei und in Häusern aus dem 10 Jh. Überreste von fünf verschiedenen Färbepflanzen, darunter eine Lage von Pflanzenfasern, die sich im Mikroskop als Leitbündel erwiesen und auch Fragmente einer Waidfrucht enthielten. Die botanische Bearbeiterin, Ph. Tomlinson (1985) nimmt an, dass die Leitbündel vom Vergären der Waidblätter übrig geblieben sind. Ebenfalls aus dem frühen Mittelalter in England stammt der Abdruck einer Waidfrucht in einer Gefäßscherbe von Somersham. Und als letzter, aber auch umfangreichster Fund, kann das Schiffsgrab von Oseberg um das Jahr 1000 genannt werden, in dem sich unter den Beigaben ein Gefäß befand, das zahlreiche, vollständig erhaltene Waidfrüchte enthielt.
Der erste schriftliche Nachweis für Waid stammt von Caesar, der im Jahre 54 v. Chr. über die Bewohner Britanniens in seinem Buch über den Gallischen Krieg berichtete (De Bello Gallico, 5, 14) „Alle Britannier färben sich mit Waid (vitrum) blau, und sehen daher in der Schlacht ganz schrecklich aus“ (übers. von Lenz, 1859). Im Mittelalter wird Waid schon in den frühesten Verzeichnissen (um 800) genannt. Im „Capitulare“ Karls des Großen heißt er „Waisdo“, in dem der hl. Hildegard (1098-1179) „Weyt“. Im Jahre 1209 säten die Erfurter Bürger Waidsamen in ihrer Umgebung aus. 1259 werden in Regensburg Waidfärber genannt.
Das Hauptanbaugebiet in Deutschland war Thüringen mit den fünf sogenannten Waidstädten Erfurt, Gotha, Tennstedt, Arnstedt und Langensalza. Nach Hegi (1906-1926, IV,1) hatten diese „Städte bereits um die Mitte
des 13. Jh die Gerechtsame (Erlaubnis) erworben, den Waidhandel zu betreiben“. In Südfrankreich galt vor allem
das Gebiet um Albi und Toulouse als Waidanbaugebiet, wo man auch heute noch Waidmühlen besichtigen kann.
Der Niedergang des Waidanbaus und –handels begann, nachdem 1560 mit der Entdeckung des Seeweges nach Ostindien der asiatische Indigo nach Europa eingeführt wurde. Dieser war ergiebiger und in der Farbe beständiger.
Hier ein Beispiel eines gelben Stoffes, der Grün werden soll und mit Waid überfärbt wurde:
Abb. 19: Zuerst ist der Reseda gefärbte Stoff noch gelb
Abb. 20: Nach der Überfärbung mit Indigo schlägt er an der Luft ins Grüne um
Reseda (Reseda luteola)
Das Gilbkraut wird auch Gelbkraut, Färberwau, Waude, Streichkraut oder Harnkraut genannt und gehört zur Familie der Resedengewächse (Resedaceae). Der Farbstoff ist Luteolin. Derselbe Farbstoff ist auch im Färberginster und in den Blüten des Gelben Fingerhutes enthalten. Verwendet wurde Wau vor 1800 als wichtigster gelber natürlicher Farbstoff.
Die ältesten Reste dieser Pflanzenart in Form ihrer Samen sind in den Ufer-(Pfahlbau-) Siedlungen aus der Jungsteinzeit im schweizerischen Alpenvorland gefunden worden. So z.B. in der Station Robenhausen im Pfäffiker See, Kanton Zürich, und in Brises-Lames/Auvernier am Neuenburger See. An dieser letztgenannten Stelle enthielten 17% der Proben Reseda-Samen. Es lässt sich aber nicht sagen, ob diese Pflanze damals schon zum Färben verwendet wurde. Dann tauchen Samen des Gilbkrauts erst wieder 2000-3000 Jahre später auf: in spätkeltischer Zeit
(125 v. Chr.) in Fellbach-Schmiden bei Stuttgart und seit dem 1 Jh. n. Chr. in einigen römischen Niederlassungen des Rheinlandes (Neuss, Xanten, Köln) sowie in Butzbach bei Frankfurt. Kann man für die Kelten noch nicht von einer bestimmten Verwendung des Gilbkrauts sprechen, nennen im klassisch-römischen Altertum Vergil und Vitruv eine Pflanze namens „Lutum“, die Gelb färbte und mit der man ein schönes Grün erhielt, wenn man etwas blau Gefärbtes mit der gelben Farbe des Lutum tränkte (nach Fischer-Benzon 1894). Es ist aber nicht sicher, ob die Pflanze Lutum mit dem Gilbkraut (Reseda luteola) identisch ist.
Die 3. zeitliche Etappe, in der Samen des Gilbkrauts unter den Pflanzenresten aus archäologischen Ausgrabungen sind, ist das Mittelalter. Das ist so feststellbar in Köln, aber auch in England (York, Beverly, Worchester u.a.) sowie in den Niederlanden (Sittach). Die Zeitstellung in York ist das 10., in Beverly das 12. Jh.
In den schriftlichen Quellen des Mittelalters erscheint zuerst bei Albertus Magnus (1200-1280) eine Pflanze mit Namen „Gauda“, die weißes Zeug gelb und blaues grün färbt. Es ist wahrscheinlich, dass damit das Gilbkraut gemeint ist, da die französische Bezeichnung für Gilbkraut „Gaude“, „Vaude“ und die italienische „Guadone“ lautet. In Niederdeutschland soll (nach Hegi) der Name „Waude“ bereits im 13. Jh auftreten und klingt im Färberwau immer noch nach.
Zum Färben kann man alle oberirdischen Teile des Krauts benutzen, jedoch haben die jungen blühenden Äste am meisten Farbstoff eingelagert. Am meisten Farbstoff bildet sich bei heißem, sonnigem Klima aus. So lagen die Hauptanbaugebiete in Italien und Südfrankreich. In Deutschland wuchs es nur gebietsweise. Seine Hauptanbauzeit als Färbepflanze begann in Deutschland im Hochmittelalter. Außer als Färbepflanze ist die Wurzel früher auch als harn- und schweißtreibendes Mittel verwendet worden.
Krapp (Rubia tinctorum)
Auch Röte und Färberröte genannt. Der meiste Farbstoff befindet sich in der inneren Wurzelrinde. In der lebenden Pflanze ist er im Zellsaft gelöst und erst beim Trocknen der Wurzel bilden sich rotbraune, feste Partikel.
Diese bestehen im wesentlichen aus dem roten Krappfarbstoff Alizarin. Derselbe Farbstoff ist auch in den Wurzeln des Waldmeisters und den anderen in Deutschland einheimischen Labkrautarten enthalten.
Die ältesten Nachrichten über Krapp erhalten wir aus Schriften aus Griechenland und Italien zur Zeit des klassischen Altertums (nach Lenz 1859 und Fischer-Benzon 1894). So berichtet der griechische Arzt Dioskurides um 69 n. Chr. in seinem Buch „De Materia Medica“ (3,150) über eine Pflanze, deren Wurzel rot ist und zum Färben dient. Sie werde in Griechenland u. a. „Ereuthodanon“, „Teuthrion“ genannt. Die Römer bezeichneten sie als „Rubia passiva“, die Ägypter als „Sophobi“. Aus der gleichen Zeit stammen die Bemerkungen des Römers Plinius des Älteren:
„Rubia ist zum Färben von Wolle und des Leders unentbehrlich und sein Anbau bringt sehr viel Gewinn ein.“
In den mitteleuropäischen Ländern ist Rotfärben mit Krapp am frühesten in Frankreich nachweisbar. So hatte man die Merowingerkönigin Arnegunde bei der Grablegung in Saint-Denis (Paris, etwa zwischen 565 und 570) in einen hellroten wollenen Umhang oder Mantel gehüllt (nach Werner 1964). Frankreich blieb bis in die Neuzeit das wichtigste mitteleuropäische Land für Krappanbau.
In England ist die Verwendung von Krapp im 10. Jh. durch archäobotanische Funde aus der Altstadt von York belegt, denn dort wurde bei Ausgrabungen ganze Lagen der Stängel und noch jetzt roter Wurzeln, zusammen mit 4 anderen Arten von Färbepflanzen freigelegt und botanisch bestimmt (Tomlinson 1985).
Im „Capitulare“ von Karl dem Großen wird Krapp als „Warentiam“ bezeichnet, abgeleitet von den spätlateinischen Namen „Barentia“, „Narentia“ (nach Fischer-Benzon). Daraus kann aber noch nicht mit Sicherheit gesagt werden, dass zu der Zeit auch schon in Deutschland Wolle oder Leder mit Krapp rot gefärbt wurde, weil die Nennung im „Capitulare“ auch für die französischen Güter gegolten haben kann. Die zeitlich nächste Nennung von „Rubea“ stammt aus der „Physika“ der hl. Hildegard (1098-1179).
Die Literatur spricht von diesen drei „Hauptfärbepflanzen“; jedoch erscheint es plausibel, dass mit vielen heimischen Pflanzen Färbeversuche gemacht wurden. Genau solche Experimente zeigen, dass mit heimischen Pflanzen wunderschöne Farben erzielt werden können. Schöne Ergebnisse hat man z.B. mit sämtlichen Laubbaum-blättern wie Ahorn, Apfel, Birke, Birne, Eiche, Erle, Holunder, Kirsche und Weide. Sie färben meist ein schönes Gelb in verschiedenen Farbstufen. Aber auch die Rinde lässt sich gut zum Färben gebrauchen. Ebenso kann das Kraut vieler heimischer Pflanzen zum Färben verwendet werden.

Abb. 21: Hier noch eine kleine Farbpalette von selbst gefärbten Stoffen;
alle Stoffe wurden zuvor mit Alaun gebeizt (von links nach rechts):
- Doppelfärbung erster Zug Reseda, zweiter Zug Krapp, entwickelt mit Eisensulfat
- Erster Zug Krapp
- Doppelfärbung erster Zug Reseda, erster Zug Krapp
- Erster Zug Birke
- Erster Zug Reseda
- Erster Zug Reseda
- Zweiter Zug Reseda, entwickelt mit wenig Kupfersulfat
- Erster Zug Birke, entwickelt mit Eisensulfat
- Doppelfärbung erster Zug Reseda, zwei Züge Indigo
- Zwei Züge Indigo
© Text Jochen Grasser, Fotos Die Reisecen, 2010
Quellen:
„Färben mit Pflanzen“, Dorit Berger
„Nutzpflanzen in Deutschland“, Udelgard Körber-Grohne
„Naturfarben auf Wolle und Seide“, Dorothea Fischer

